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Berufstätige Mütter gefährden nicht die Gesundheit ihrer Kinder

Europaweites Forschungsprojekt unter der Leitung des Bremer Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie - BIPS bricht mit der Auffassung, dass die Gesundheit von Kindern gefährdet ist, wenn beide Elternteile einem Vollzeitjob nachgehen.

Studien in den USA nennen die Vollzeitbeschäftigung beider Elternteile als einen der Gründe für die Ausbreitung von starkem Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas) bei Kindern. Die weitverbreitete Meinung lautete bisher, dass insbesondere berufstätige Mütter keine Zeit mehr hätten, gesundes Essen für ihre Kinder zu kochen und darauf zu achten, dass diese sich ausreichend bewegen. Neuere Forschungen in Europa zeigen dagegen, dass eine Vollzeitbeschäftigung der Mutter die Gesundheit des Nachwuchses nicht beeinträchtigt – so die in der Wissenschaftszeitschrift Journal of Health Economics veröffentlichten Studienergebnisse.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass es keine Rolle spielt, ob Mütter einem Beruf nachgehen oder nicht. Daher sollten sich berufstätige Mütter nicht schuldig fühlen“, sagt Wencke Gwozdz, Professorin für Konsumentenverhalten und Nachhaltigkeit an der Copenhagen Business School, neben dem Leibniz-Institut BIPS eine der Forschungseinrichtungen, die an der Studie beteiligt sind.

Die IDEFICS-Studie, die mehr als 16.000 europäische Kinder aus Italien, Spanien, Belgien, Zypern, Estland, Deutschland, Ungarn und Schweden untersucht hat, zeigt, dass Kinder von berufstätigen Müttern keinen größeren Taillenumfang oder höheren Körperfettanteil haben und auch körperlich nicht weniger aktiv sind als Kinder, deren Mütter nicht arbeiten.

Frauen können „Zeit mit ihren Kindern kaufen“

Diese und andere Studien belegen, dass Mütter nicht weniger schöne Momente mit ihren Kindern verbringen, wenn sie berufstätig sind. Die Eltern können sich Haushaltshilfen, Geschirrspüler und Autos leisten – alles Mittel, die helfen mehr Zeit mit den Kindern verbringen zu können. Die Familie kann gesunde Lebensmittel einkaufen und die Kinder können mit dem Auto zu Freizeitaktivitäten gefahren werden, so dass sie, auch wenn ihre Eltern viel unterwegs sind, nicht vor dem Fernseher sitzen.

Berufstätige Mütter verdienen Geld, mit dem sie sich „Zeit mit ihren Kindern kaufen können“. Dies ist eine Erklärung dafür, dass die Gesundheit von Kindern durch die Arbeit ihrer Mütter nicht beeinträchtigt wird. Das Gleiche gilt natürlich auch für berufstätige Väter, sagt Wencke Gwozdz.

Ein weiterer Aspekt ist, dass berufstätige Mütter oft eine Ausbildung und damit verbunden auch einen höheren Bildungsstand haben. Davon wiederum profitieren die Kinder, denn die Mütter wissen beispielsweise, welche Lebensmittel für eine ausgewogene Ernährung wichtig sind. Daher ist auch der sozioökonomische Status der Familien für das Risiko von Übergewicht bei Kindern sehr wichtig, sagt die Forscherin.

Einfluss von Kindergärten und Schulen auf die Gesundheit von Kindern

Britische und amerikanische Studien deuteten auf einen Zusammenhang zwischen Übergewicht von Kindern und Berufstätigkeit der Mütter. Laut Wencke Gwozdz ist dieser gegenteilige Befund durch Unterschiede im Lebensstil und der Sozialstruktur der Briten und Amerikaner begründet. Diese sind nicht mit der Situation in Kontinental-Europa vergleichbar:

„Arbeitende Mütter haben in den USA und Großbritannien viel größere Schwierigkeiten als in Europa. Es gibt dort wenig öffentliche Unterstützung für die Betreuung von Kindern und die wenigen Betreuungsangebote sind wesentlich schlechter. Außerdem haben Briten und Amerikaner einen anderen Lebensstil. So gibt es in den USA viel größere Essensportionen und was erst einmal auf dem Teller ist, wird auch gegessen“, sagt Wencke Gwozdz.

In Europa lohnt es sich, Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen einzubeziehen, um Übergewicht bei Kindern vorzubeugen, meint Gwozdz. Übergewicht bei Kindern entsteht nicht, weil Mütter berufstätig sind. Vielmehr gilt es die Betreuungseinrichtungen zu verbessern und Eltern und Kindern gesündere Essensgewohnheiten nahezubringen. Schweden ist hierfür ein Vorbild. Dort sind Schulen und Kindergärten verpflichtet nur Nahrungsmittel anzubieten, die den Anforderungen an eine gesunde Ernährung entsprechen.

Original-Publikation:

Gwozdz W, Sousa-Poza A, Reisch LA, Ahrens W, Eiben G, M Fernandéz-Alvira J, Hadjigeorgiou C, De Henauw S, Kovács E, Lauria F, Veidebaum T, Williams G, Bammann K. (2013) Maternal employment and childhood obesity – A European perspective. Journal of Health Economics, Elsevier, vol. 32 (4), 728-742.