Einzelansicht

Studie zur Lebensqualität ausgezeichnet

Der Zusammenhang zwischen der finanziellen Situation in der Kindheit und der späteren Lebensqualität ist bislang wenig untersucht. Dr. Claudia Börnhorst vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS hat diese Verbindung in einer Studie genauer untersucht. Sie kommt darin zu einem Ergebnis, das eine strukturelle Ungerechtigkeit aufzeigt, aber auch eine mögliche Lösung dafür anbietet. Für die Studie wurde die Wissenschaftlerin heute mit dem Quality-of-Life-Preis 2020 ausgezeichnet.


Egal, ob Ernährung, Bewegung oder Bildung – zahlreiche Studien konnten bereits zeigen, dass die Lebensumstände in der Kindheit langfristige Folgen haben können, die oft sogar bis ins hohe Alter andauern. Über welche Wirkungswege die Lebensumstände in der Kindheit mit der späteren Lebensqualität zusammenhängen, ist bislang jedoch oft unklar. Dieser schwer zu beantwortenden Frage ging Börnhorst mit ihren zwei Mitautorinnen Anne Mensen und Dr. Dörte Heger vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung nach. Sie wollten wissen: Über welche Faktoren hängt die finanzielle Situation im Kindesalter mit der Lebensqualität im Alter zusammen? Welche Rolle spielen hier der erzielte Bildungsstatus, das spätere Einkommen sowie der Gesundheitsstatus im Alter? Gibt es Unterschiede innerhalb Europas?


Die Analysen basieren auf den Daten von 13.092 Rentnerinnen und Rentnern im Alter zwischen 60 und 85 Jahren aus der fünften Welle des Survey of Health, Aging, and Retirement in Europe (SHARE). Berücksichtigt wurden Informationen über zum Beispiel Gesundheit, Bildungsniveau, finanzielle Situation und Lebensqualität für fünf europäische Regionen: Mittelwesteuropa (Österreich, Deutschland), Mittelosteuropa (Tschechische Republik, Estland, Slowenien), Nordeuropa (Dänemark, Schweden), Südeuropa (Italien, Spanien) und Westeuropa (Belgien, Frankreich, Niederlande).


Ausgeprägtes Nord-Süd-Gefälle


„Wir haben sogenannte Pfadanalysen verwendet, um die direkten und indirekten Auswirkungen von Gegebenheiten im Kindesalter auf die Lebensqualität im Alter zu untersuchen“, erklärt Börnhorst. Sie ergänzt: „Wir konnten dabei feststellen, dass die Lebensqualität von Rentnerinnen und Rentnern in allen fünf europäischen Regionen mit der finanziellen Situation in der Kindheit zusammenhängt. Wir fanden zudem ein starkes Nord-Süd-Gefälle, das heißt in Südeuropa ist der Zusammenhang zwischen finanzieller Situation im Kindesalter und Lebensqualität im Alter deutlich ausgeprägter als in Nordeuropa. Eine mögliche Erklärung für die regionalen Unterschiede sind etwa Unterschiede in den Wohlfahrts- und Bildungssystemen der Länder. Das ist letztlich eine gute Botschaft, die zeigt: Mit den richtigen staatlichen Systemen ist es möglich, ungerechte Startbedingungen im Verlauf des Lebens auszugleichen.“


„Diese Studie bestätigt, was auch unsere anderen Forschungsarbeiten etwa zum kindlichen Ess- oder Bewegungsverhalten nahelegen: Schon früh im Leben werden Wege eingeschlagen, die sich ohne gezielte Hilfe nur schwer verändern lassen“, sagt Prof. Dr. Iris Pigeot, Direktorin des BIPS und dort Leiterin der Abteilung Biometrie und EDV. „Genau solche Grundlagenforschung ist nötig, um Ursachen von Gesundheitsstörungen aufzudecken und wirksame Strategien zur Prävention chronischer, nichtübertragbarer Erkrankungen zu entwickeln. Ich freue mich darum besonders, dass diese wichtige Arbeit mit einem Preis belohnt wird.“


Der mit insgesamt 10.000 Euro dotierte Quality-of-Life-Preis wird jährlich durch das Pharmaunternehmen Lilly Deutschland verliehen. Er prämiert in der Regel vier herausragende Arbeiten auf dem Gebiet der Lebensqualitätsforschung.


Studie


Börnhorst C, Heger D, Mensen A. Associations of childhood health and financial situation with quality of life after retirement - Regional variation across Europe. PLOS ONE. 2019;14(4):e0214383. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0214383


Hier können Sie die komplette Pressemitteilung als PDF herunterladen.


Das BIPS – Gesundheitsforschung im Dienste des Menschen


Die Bevölkerung steht im Zentrum unserer Forschung. Als epidemiologisches Forschungsinstitut sehen wir unsere Aufgabe darin, Ursachen für Gesundheitsstörungen zu erkennen und neue Konzepte zur Vorbeugung von Krankheiten zu entwickeln. Unsere Forschung liefert Grundlagen für gesellschaftliche Entscheidungen. Sie informiert die Bevölkerung über Gesundheitsrisiken und trägt zu einer gesunden Lebensumwelt bei.


Das BIPS ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft, zu der 96 selbstständige Forschungseinrichtungen gehören. Die Ausrichtung der Leibniz-Institute reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute widmen sich gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevanten Fragen. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 20.000 Personen, darunter 10.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei mehr als 1,9 Milliarden Euro.