Studie im BMJ spricht sich klar für Verwendung des Nutri-Score aus

Der Verzehr von Lebensmitteln mit einer schlechten Ernährungsqualität ist mit einer höheren Sterblichkeit verbunden, so eine Mitte September im BMJ veröffentlichte Studie. Die Ergebnisse unterstützen die Verwendung der Nutri-Score-Kennzeichnung auf der Vorderseite der Packung, um die Menschen zu einer gesünderen Lebensmittelauswahl anzuleiten. Das könnte in die laufenden Diskussionen über die Vereinheitlichung der Lebensmittelkennzeichnungssysteme in der Europäischen Union einfließen.

In Deutschland gibt es bislang keine verpflichtende Kennzeichnung von Lebensmitteln z.B. mit dem Nutri-Score. Jahrelang sprach sich die zuständige Ministerin für Ernährung und Landwirtschaft gegen eine farbige Kennzeichnung von Lebensmitteln aus. Vergangenen September lenkte sie dann ein und kündigte eine entsprechende Gesetzesnovelle für 2020 ein. Im Herbst soll die Verordnung zum Nutri-Score in Kraft treten und die Kennzeichnung deutschlandweit eingeführt werden. Bevor die Nährwertampel auf Produkten in deutschen Supermärkten erscheint, braucht es die Zustimmung von Kabinett und Bundesrat. Auch die EU-Kommission muss grünes Licht geben.

Dabei ist lange bekannt, dass die Kennzeichnung von Lebensmittelverpackungen mit einfachen, klaren Nährwertinformationen den Menschen hilft, gesündere Entscheidungen zu treffen, um nicht übertragbare Krankheiten wie Herzkrankheiten, Krebs und Diabetes zu verhindern.

Nutri-Score ist eine einfache Nährwertkennzeichnung auf der Vorderseite der Verpackung, die Lebensmittel nach ihrer ernährungsphysiologischen Qualität bewertet. Jedes Produkt erhält einen Buchstaben und einen Farbcode, von dunkelgrün (A) für eine höhere Nährwertqualität bis zu dunkelorange (E) für eine geringere Nährwertqualität. Der Nutri-Score basiert auf dem Nährwertprofilsystem (FSAm-NPS) der Food Standards Agency des Vereinigten Königreichs, das die Nährwertqualität von Lebensmitteln auf der Grundlage ihres Gehalts an Energie, gesättigten Fettsäuren, Zucker, Natrium, Eiweiß, Ballaststoffen sowie Obst und Gemüse bewertet.

In der aktuellen Studie versuchte ein internationales Forschungsteam, festzustellen, ob das Nährwertprofilsystem der Food Standards Agency (FSAm-NPS) tatsächlich mit der Mortalität in Verbindung steht. Ihre Ergebnisse basieren auf 501 594 Erwachsenen (Durchschnittsalter 52 Jahre) aus 10 europäischen Ländern, die an der European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC)-Studie teilgenommen haben.

Die Probanden mussten Fragebögen ausfüllen, um ihre übliche Nahrungsaufnahme zu beurteilen. Für jeden Einzelnen wurde ein FSAm-NPS-Index berechnet, der auf der ernährungsphysiologischen Qualität der verzehrten Lebensmittel basiert. Je höher der Indexwert ist, desto geringer ist die ernährungsphysiologische Qualität der Ernährung insgesamt, was sich in einer geringeren Zufuhr von Ballaststoffen, Obst und Gemüse sowie Fisch und einer höheren Zufuhr von rotem und verarbeitetem Fleisch widerspiegelt.

In Spanien, Griechenland, Norwegen und Italien waren die Indexwerte niedriger, was auf eine insgesamt höhere Nährstoffqualität der Ernährung in Spanien, Griechenland, Norwegen und Italien hinweist, während sie im Vereinigten Königreich, Schweden, den Niederlanden, Dänemark, Deutschland und Frankreich höher waren.

Die Teilnehmer wurden durchschnittlich 17 Jahre lang beobachtet. Während dieser Zeit stellten die Forscher fest, dass diejenigen mit einem höheren Indexwert für die Ernährung ein erhöhtes Risiko für die Gesamtmortalität sowie für Krebs- und Kreislauf-, Atmungs- und Verdauungskrankheiten aufwiesen.

In absoluten Zahlen betrug die Rate der Gesamtmortalität pro 10 000 Personen über 10 Jahre 1 237 bei Männern und 563 bei Frauen im höchsten Fünftel des Ernährungsindex-Scores (geringere Ernährungsqualität), verglichen mit 1 008 bei Männern und 518 bei Frauen im niedrigsten Fünftel.

„Neben der Einführung von ‚Lenkungsabgaben zur Verzehrsteigerung gesunder Lebensmittel‘ und von ‚Zielen oder Standards für die Zusammensetzung industriell hergestellter Lebensmittel‘ wurde das sogenannte front of pack-labeling also die vereinfachte ‚Nährwertkennzeichnung auf der Vorderseite verpackter Lebensmittel‘ zu den top Reformindikatoren zur Verbesserung der Ernährung in Europa bewertet - von unabhängigen Experten, Wissenschaftlern und Multiplikatoren der Public Health, Ernährungswissenschaft und Gesundheitsberichterstattung, z.B. des BIPS, der Europäischen Kommission, der WHO und RKI. Nutri-Score, das Ampelsystem oder Schlüsselloch-Modell dienen dem Ziel, VerbraucherInnen bei einer gesünderen Nahrungsmittelauswahl zu helfen“, sagt Dr. Antje Hebestreit, Leiterin der Fachgruppe Lebensstilbedingte Erkrankungen in der Abteilung Epidemiologische Methoden und Ursachenforschung am BIPS, die sich im Rahmen des Policy Evaluation Network (PEN) mit der Messbarkeit der Erfolgswirksamkeit politischer Maßnahmen in Europa befasst.

Dass ein solcher Score einen erheblichen Einfluss haben kann, zeigte auch kürzlich eine weitere PEN-Arbeitsgruppe: Im „Healthy Food Environment Policy Index (Food-EPI)“ bewertete es politische Maßnahmen auf EU-Ebene, die einen (potenziellen) Einfluss auf die Ernährungsgesundheit in den EU-Mitgliedstaaten haben. Als einen zentralen Baustein identifizierten sie Ernährungsindex-Scores. Zu vergleichbaren Ergebnissen kamen auch deutsche Experten, die kürzlich den Umsetzungsgrad des Food-EPI in Deutschland relativ zu internationalen Best Practices bewerteten.