Humanitäre Hilfe: Bedingungslose Geldtransfers können Gesundheit der Betroffenen fördern


Im Mai 2016 forderte Ban Ki-moon nichts weniger als einen Paradigmenwechsel. In der globalen Nothilfe, so der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, sollten Staaten und Institutionen verstärkt auf direkte Bargeldtransfers und nicht – wie bislang – auf eingeflogene oder importierte Sachleistungen setzen. Die Forschung wusste Ban bei seiner Forderung auf dem UN-Nothilfegipfel in Istanbul auf seiner Seite. Denn tatsächlich belegen zahlreiche Studien, dass die massive Einfuhr kostenloser Güter wie etwa Nahrungsmittel die Produktion und die regionalen Märkte im Zielland schwächt. Direkt an Betroffene ausgezahlte Gelder dagegen können die lokale Wirtschaft stärken. Im Rahmen dieser sogenannten  „Cash Transfer Programs“ – kurz CTPs – wird Bargeld indirekt in Form von Gutscheinen oder direkt an die Betroffenen ausgezahlt. Letztere Direktzahlung kann wiederum an Bedingungen – zum Beispiel bestimmte Arbeitsleistungen – geknüpft oder komplett bedingungslos sein.

Die Vorteile liegen auf der Hand. Denn anders als bei Sachleistungen können betroffene Familien die Werte flexibel einsetzen – etwa zum Erwerb von Nahrungsmitteln, Kleidern, Hygieneartikeln und Baumaterialien oder um Schul- und Transportkosten der Kinder zu bezahlen. Und auch für die „Geber“ sind Vorteile offensichtlich. So können Bargeldleistungen schnell und flexibel bereitgestellt werden. Sachleistungen dagegen müssen mit hohem logistischem Aufwand zum Zielort transportiert und dort mit großem Personaleinsatz verteilt werden.

Ein internationales Forscherteam aus Neuseeland, den USA, Indien und Deutschland konnte nun zeigen, dass sich bedingungslose Bargeldtransfers auch positiv auf die Gesundheit der betroffenen Kinder und Erwachsenen auswirken. An der Studie beteiligt war auch Prof. Dr. Stefan Lhachimi, Leiter der Forschungsgruppe Evidence-Based Public Health (BIPS und Universität Bremen). „Weltweit gab und gibt es zahlreiche Hilfsprogramme, in denen bedingungslose Geldtransfers eingesetzt wurden. Bislang fehlte jedoch eine systematische Analyse dieser Programme im Hinblick auf folgenden Frage: Wie wirkt sich der Geldtransfer auf die Gesundheit der Betroffenen aus?“

Insgesamt 21 für ihre Analyse geeignete Studien zu Hilfsprogrammen in Entwicklungs- und Schwellenländern konnten die Wissenschaftler identifizieren und auswerten. Darunter beispielsweise das „Hunger Safety Net Pilot Programme“, mit dem die Regierung Kenias der unter den Folgen heftiger Dürren leidenden Bevölkerung half.

„Insgesamt zeigten sich viele positive Effekte von bedingungslosen Bargeldtransfers“, sagt Stefan Lhachimi. „Die Zuwendungsempfänger zeigten nach der Intervention ein deutlich geringeres Risiko, eine Krankheit zu entwickeln, waren also gesünder. Darüber hinaus verbesserten die Geldtransfers die Nahrungsmittelversorgung, so dass die Betroffenen nach der Hilfe besser ernährt waren. Und nicht zuletzt besuchten Kinder aus betroffenen Familien nach dem Hilfsprogramm deutlich häufiger die Schule.“ Neben positiven Impulsen für die lokale Wirtschaft können bedingungslose Geldtransferprogramme also auch gesundheitliche Verbesserungen bei der versorgten Bevölkerung bewirken.

 

Die Studie:

“Unconditional cash transfers for reducing poverty and vulnerabilities: effect on use of health services and health outcomes in low- and middle-income countries (Review)”; Pega F, Liu SY, Walter S, Pabayo R, Saith R, Lhachimi SK

ist erschienen in:

Cochrane Library: Cochrane Database of Systematic Reviews.

 

Die vollständige Studie sowie einen englischsprachigen Podcast finden Sie hier:

http://www.cochrane.org/podcasts/10.1002/14651858.CD011135.pub2

 

Weitere Informationen zur Arbeitsgruppe von Stefan Lhachimi finden Sie hier:

www.ebph.uni-bremen.de

 

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