Neuer Cochrane Review legt die Notwendigkeit zur Untersuchung von Zuckersteuern offen

Eine heute neu publizierte Forschungsarbeit zur Wirksamkeit einer Zuckersteuer und einer Steuer auf Lebensmittel mit zugesetztem Zucker, jenseits von zuckerhaltigen Getränken, zur Prävention von Übergewicht, legt die dringliche Notwendigkeit fundierter Untersuchungen in diesem Bereich dar.

Die Universität Bremen und das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie - BIPS hat in Zusammenarbeit mit der AOK Baden-Württemberg mit einem internationalen Forscherteam die Studie in der Cochrane Database of Systematic Reviews publiziert und dargelegt, dass eine Steuer in Ungarn auf Lebensmittel mit zugesetztem Zucker den durchschnittlichen Konsum dieser Güter um 4 Prozent reduziert hat. Ähnliche Steuern, die bereits auf Bermuda, Dominica, St. Vincent und den Grenadinen, sowie in Indien, Norwegen und dem Navajo Nation Reservation (USA) eingeführt wurden, sollten zukünftig untersucht werden, um das Vertrauen in die vorliegenden Ergebnisse zu erhöhen.

Dr. Manuela Pfinder, leitende Wissenschaftlerin der AOK Baden-Württemberg und des Universitätsklinikums Heidelberg, die in diesem Review die Federführung hatte, erklärt: “Wir haben nur eine Studie aus insgesamt 24454 potentiell relevanten Treffern gefunden, um unsere Forschungsfrage zur Wirksamkeit einer Steuer auf Zucker oder Lebensmittel mit zugesetztem Zucker, abseits von Süßgetränken, zu beantworten. Unsere vorläufigen Forschungsergebnisse von geringer Evidenz weisen darauf hin, dass die Besteuerung von Lebensmitteln mit zugesetztem Zucker eine Konsumreduktion zu bewirken vermag. Allerdings ist das Ergebnis sehr vage und wir sind in unserer Aussage vorsichtig, da momentan keine weiteren fundierten Untersuchungen verfügbar sind. Uns fehlt die Datenbasis, um zu verstehen, wie sich die Besteuerung von Zucker und Lebensmitteln mit zugesetztem Zucker auf den Konsum, die Substitution und unerwünschte gesundheitsrelevante Auswirkungen, wie Übergewicht und Adipositas, auswirkt. Trotz der vorhandenen Lücken in der Datenbasis müssen wir dringlich das weltweit zunehmende Public Health Problem von Übergewicht und Adipositas angehen und dazu besteht definitiv eine Notwendigkeit bezüglich politischer Maßnahmen, um den Zuckerkonsum nachhaltig zu reduzieren.“

Die Besteuerung von Zucker und Lebensmitteln mit zugesetztem Zucker ist eine von vielen möglichen Optionen, um das Ernährungsverhalten der Bevölkerung zu verbessern und Übergewicht präventiv zu begegnen. Präventive Maßnahmen können hierbei sowohl politische Maßnahmen auf Bevölkerungsebene als auch Interventionen auf individueller Ebene umfassen, welche dringend notwendig sind, um die epidemische Zunahme von Übergewicht und Adipositas sowie deren Folgeschäden auf die Gesundheit, wie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgeführt, unter Kontrolle zu bekommen.

Thomas Heise, Gesundheitsökonom des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS und Co-Autor der Studie, ergänzt: “Norwegen kann beim Thema Zuckersteuer als Vorreiter gelten. Dort werden sowohl Zucker im Vorhinein, als auch Lebensmittel mit zugesetztem Zucker, wie Süßwaren, besteuert. Unsere umfangreiche Übersichtsarbeit fand leider keine Studien, welche die Wirkung „reiner“ Zuckersteuern betrachtete, zudem fehlen derzeit wissenschaftliche Nachweise hinsichtlich der realen Wirkung beider Besteuerungsformen auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen – das heißt beispielsweise die Wirkung auf Haushalte mit niedrigem Einkommen. Bei der Gesamtbewertung von Steuern auf Lebensmittel sollte aber immer auch die potenzielle Wirkung auf die soziale Ungleichheit mitgedacht werden.“

Dr. Stefan K. Lhachimi, Wissenschaftler der Universität Bremen und Letztautor des Reviews weist darauf hin, dass diese Studie Teil eines größeren Projektes ist: „Diese Studie ist die erste von insgesamt drei zu publizierenden Studien zu den gesundheitlichen Effekten der Besteuerung von Nahrungsmitteln und Getränken. Die zwei weiteren Reviews adressieren die Besteuerung von zuckerhaltigen Getränken und den Fettgehalt in Lebensmitteln. Wir erwarten, dass die Betrachtung der Ergebnisse von allen drei Reviews zusammen uns noch mehr Klarheit zu den Effekten von Lebensmittelsteuern bringt.“

Die Studie ist kostenfrei zugänglich unter: https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD012333.pub2

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