Wie sich Flucht auf die Gesundheit auswirkt

Der Unterschied in der Gesundheitszufriedenheit zwischen syrischen Geflüchteten mit hohem und niedrigem sozioökonomischen Status (SES) verringert sich stark nach der Migration. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler der Copenhagen Business School und des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS in einer Studie, die gerade in der renommierten Fachzeitschrift PLOS Medicine erschienen ist.

„Ziel unserer Studie war es, die Beziehung zwischen SES vor der Migration und selbst berichteten Gesundheitsindikatoren nach der Migration unter syrischen Geflüchteten zu analysieren. Insbesondere wollten wir herausfinden, wie sich ihr SES auf die Veränderung der Gesundheitszufriedenheit vor und nach der Migration auswirkt“, erklärt Studienerstautor Prof. Dr. Jan Michael Bauer von der Copenhagen Business School.

Der starke Anstieg der Zahl Geflüchteter und Asylsuchender in Deutschland und den meisten europäischen Ländern hat in den vergangenen Jahren das Thema Migration selbst, die Integration von Migrantinnen und Migranten und auch ihre Gesundheit ganz oben auf die politische Agenda gesetzt. Die Dynamik der Flüchtlingsgesundheit ist jedoch bislang noch nicht gut verstanden. Die Studie soll dazu beitragen, das zu ändern.

Die Wissenschaftler haben dazu Daten aus der Flüchtlingsumfrage 2016 verwendet, die Teil des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) war. Diese Umfrage war zwar eine Querschnittsstudie, sammelte jedoch Informationen zur Situation der Geflüchteten in Deutschland sowie zu ihrer Situation vor der Migration. Anhand einer Stichprobe von 2.209 erwachsenen, syrischen Geflüchteten, die zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland eingereist waren, führten sie eine Querschnitts- und eine quasi-Längsschnitt- (retrospektive) Analyse durch. Das mittlere Alter betrug 35 Jahre, 64 Prozent der Teilnehmenden waren Männer.

„Unsere Ergebnisse zeigten eine positive Assoziation zwischen dem vor der Migration selbst berichteten SES und mehreren subjektiven Gesundheitsindikatoren zum Beispiel Gesundheitszufriedenheit, selbst berichtete Gesundheit, psychische Gesundheit in der Querschnittsanalyse“, erläutert Prof. Dr. Hajo Zeeb vom BIPS die Ergebnisse. Er fügt an: „Wir haben jedoch auch festgestellt, dass der Unterschied in der Gesundheitszufriedenheit zwischen Flüchtlingen mit hohem und niedrigem sozioökonomischem Status nach der Migration viel geringer geworden ist. Ähnliche Ergebnisse wurden nach Kontrolle der soziodemografischen Merkmale, der Erfahrungen während der Migrationspassage und der aktuellen Situation in Deutschland erzielt. Eine geschlechtsspezifische Analyse ergab, dass sich die Gesundheitszufriedenheit lediglich bei Männern mit dem niedrigsten SES im Zeitverlauf etwas verbesserte.“

Eine Einschränkung der Studie besteht darin, dass nur die ersten Monate oder Jahre nach der Migration berücksichtigt werden. Es lässt sich daher nicht ausschließen, dass der sozioökonomische Gradient auf längere Sicht wieder an Bedeutung gewinnt.

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass der sozioökonomische Gradient der Gesundheitszufriedenheit vor der Migration in den ersten Jahren nach der Migration unter syrischen Flüchtlingen stark abgeschwächt ist“, so Mitautor Dr. Tilman Brand, der ebenfalls am BIPS arbeitet. Ein hoher sozioökonomischer Status schütze Flüchtlinge also nicht unbedingt vor den negativen Einflüssen während der Migration und der ersten Monate oder Jahre im neuen Land.

Originalveröffentlichung: Bauer JM, Brand T, Zeeb H. Pre-migration socioeconomic status and post-migration health satisfaction among Syrian refugees in Germany: A cross-sectional analysis. PLoS Med. 2020;17(3):e1003093. doi.org/10.1371/journal.pmed.1003093

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