Ernährungsmythen im Netz: Wer klärt auf, wenn niemand zahlt?
Ernährungsmythen im Netz: Wer klärt auf, wenn niemand zahlt?
Weil ihn Patient:innen inzwischen in fast jedem Therapiegespräch fragen, was sie essen oder weglassen sollen, betreibt er seit rund zehn Jahren Wissenschaftskommunikation: erst als Ernährungsmedizin-Blog mit Studienübersetzungen, seit einigen Jahren vor allem auf Instagram. Sein Argument dafür ist schlicht: Man muss dorthin gehen, wo die Desinformation ist, sonst gewinnt sie von allein.
Wirksame Mythen funktionieren laut Martin über einen kleinen wahren Kern, oft garniert mit Fachterminologie - etwa beim Klassiker, Zuckerverzicht hungere Krebs aus, obwohl der Körper Zucker selbst produziert und Tumorzellen flexibel auf Fett und Protein umsteigen. Als Orientierung empfiehlt er statt Einzelmeinungen Leitlinien und Fachgesellschaften sowie konkret den Krebsinformationsdienst und das Portal der Verbraucherzentralen zu Nahrungsergänzungsmitteln. Das strukturelle Problem bleibt die Asymmetrie: Eine Behauptung braucht keinen Aufwand, eine belegte Widerlegung Stunden Recherche. Dazu kommen kommerzielle Interessen, Coachings und Supplement-Shops im Hintergrund, Filterblasen ohne Kommentarfunktion und zunehmend KI-Bots, die die Zeit einzelner Menschen binden.
Zugespitzt sieht Martin Ernährungsmythen im Netz nicht als individuelles Pech, sondern als gesellschaftliches Risiko: Wenn Gurus und Fachgesellschaften als gleichwertig erscheinen, delegitimiert das das Wissenschaftssystem insgesamt - wie beim Klimawandel gehe die gemeinsame Faktenbasis verloren, über deren Konsequenzen eine Demokratie erst streiten kann. Seine Forderung an Politik und Stiftungen: unabhängige, nicht kommerzielle Aufklärungsaccounts finanziell fördern, damit Wissenschaftskommunikation nicht länger ehrenamtliche Abendarbeit nach dem Zwölf-Stunden-Tag bleibt
Unseren Podcast ansehen/anhören:
YouTube
Spotify
Apple
Deezer
Der Digital Public Health Podcast ist eine Produktion des Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS und den Health Sciences Bremen, den Bremer Gesundheitswissenschaften.