Elektronische Patientenakte: Fortschritt oder Baustelle im Praxisalltag?
Hinter den Kulissen einer Kinderarztpraxis
Seit rund einem Jahr ist die ePA im Versorgungsalltag angekommen. In einer großen kinderärztlichen Praxis in Bremen zeigt sich: Technisch funktioniert die ePA überraschend stabil. Dokumente lassen sich hochladen, Laborwerte teilen, Rezepte nachvollziehen. Gerade bei chronisch kranken Kindern kann die elektronische Patientenakte helfen, komplexe Vorgeschichten schneller zugänglich zu machen und doppelte Untersuchungen zu vermeiden.
Gleichzeitig offenbaren sich strukturelle Schwächen. Viele Kliniken sind noch nicht konsequent angebunden, Arztbriefe kommen weiterhin per Post, PDFs lassen sich nicht durchsuchen. Die ePA wird so oft zum digitalen Aktenordner statt zu einem intelligenten Informationssystem. Eine leistungsfähige Suchfunktion, standardisierte Einträge und echte Interoperabilität bleiben zentrale Baustellen.
Besonders sensibel ist die Frage der Datensouveränität bei Kindern und Jugendlichen. Ab dem Jugendalter können sie ihre elektronische Patientenakte selbst verwalten, doch in der Praxis wissen viele Familien kaum, welche Rechte sie haben. Themen wie Verhütung, psychische Erkrankungen oder Kindeswohl werfen komplexe Fragen auf: Wie schützt man die Privatsphäre von Jugendlichen, wenn Eltern formal Zugriff haben? Und wie verhindert man, dass sensible Diagnosen unbeabsichtigt offengelegt werden?
Zugleich liegt in der ePA ein enormes Präventions- und Forschungspotenzial. Elektronische Impfregister, digitale U-Untersuchungshefte oder strukturierte Vorsorgedaten könnten Versorgungslücken sichtbar machen und gesundheitliche Entwicklungen systematisch auswertbar machen. Viele dieser Daten werden bereits erhoben, aber nicht systematisch genutzt. Die elektronische Patientenakte könnte hier langfristig ein Paradigmenwechsel sein.
Am Ende steht eine ambivalente Bilanz: Die ePA ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber sie bleibt hinter ihren Möglichkeiten zurück. Für eine bessere Versorgung braucht es offene Schnittstellen, konsequente Anbindung aller Akteure und klare gesetzliche Regelungen zu Datenschutz und Zugriffsrechten. Dann kann die elektronische Patientenakte mehr sein als ein PDF-Speicher – nämlich ein echtes Instrument für Kontinuität, Prävention und digitale Gesundheitskompetenz.
Über Stefan Trapp
Dr. Stefan Trapp ist Kinder- und Jugendarzt in Bremen-Huchting und seit vielen Jahren in einer großen Gemeinschaftspraxis tätig. Er ist Vorsitzender der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen und engagiert sich gesundheitspolitisch auf Landesebene. Zudem ist er Vizepräsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzt*innen und setzt sich besonders für die Rechte und Versorgung von Kindern und Jugendlichen ein.
Timestamps
00:01:17:14 Einführung ePA im Alltag
00:02:54:06 Kliniken nicht angebunden
00:05:16:17 PDF statt Suchfunktion
00:15:24:24 Nicht genutzte Daten
00:27:54:22 Jugendliche & Zugriffsrechte
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