Wie gut sind wir auf Gesundheitskrisen vorbereitet? BIPS-Wissenschaftler an neuem Sammelband beteiligt
Das Buch entsteht in einer Zeit, in der Pandemie, Kriege und Klimakrisen das Vertrauen vieler Menschen in verlässliche Gesundheitsinformationen erschüttert haben. Es stellt die Frage, wie es um die Fähigkeit der Bevölkerung bestellt ist, sich in genau solchen Krisensituationen zu informieren und zu schützen. Die zentrale Botschaft: Gesundheitskompetenz in Deutschland verbessert sich nur langsam und bleibt ungleich verteilt, während sich die Anforderungen durch Digitalisierung und neue Krisenlagen stetig erhöhen. Erstmals untersucht die Studie dabei auch die sogenannte katastrophenbezogene Gesundheitskompetenz, also die Fähigkeit, in Extremsituationen wie Hitzewellen oder Unwettern angemessen zu handeln. Neben den empirischen Befunden versammelt der Band Einordnungen namhafter Forscherinnen und Forscher, die die Ergebnisse aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven kommentieren.
Zeeb widmet sich in seinem Beitrag der Frage, welche Rolle künstliche Intelligenz künftig für die Gesundheitskompetenz spielen kann. Sein Ausgangspunkt sind die Studiendaten selbst: Die digitale Gesundheitskompetenz der Bevölkerung habe sich zwar leicht verbessert, verharre aber weiterhin auf niedrigem Niveau. Fast 60 Prozent der Befragten verfügten laut HLS-GER 3 über eine als unzureichend eingestufte digitale Gesundheitskompetenz. Gleichzeitig wächst die Nutzung von KI für Gesundheitsfragen rasant: 17 Prozent der Bevölkerung hätten laut Studie bereits entsprechende Anwendungen genutzt, eine aktuelle Bitkom-Erhebung kommt sogar auf deutlich höhere Werte. Zeeb sieht darin ein Werkzeug mit erheblichem Potenzial: KI könne komplexe Gesundheitsinformationen personalisieren, verständlich zusammenfassen und in Echtzeit übersetzen. Fähigkeiten, an denen klassische, statische Webangebote oft scheitern. Gerade für Bevölkerungsgruppen mit besonderen Informationsbedürfnissen oder Sprachbarrieren könnten sich dadurch neue Zugänge eröffnen.
Diesem Potenzial stellt er jedoch eine nüchterne Risikoabwägung gegenüber. Studien zeigten, dass Menschen KI-generierten Gesundheitsinformationen bislang weniger vertrauten als ärztlicher Expertise. Problematisch seien zudem sogenannte Halluzinationen, bei denen KI-Systeme frei erfundene Aussagen oder Literaturangaben produzieren, sowie ein möglicher Bestätigungs-Bias, der bequeme statt korrekte Antworten begünstigt. Besonders kritisch ordnet Zeeb den Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit ein: Da Gesundheitskompetenz schon heute eng mit Bildung, Alter und sozialem Status verknüpft ist, könne sich diese Kluft durch KI-Anwendungen weiter vertiefen, sofern es nicht gelingt, alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen in die Lage zu versetzen, KI-Antworten kritisch zu bewerten.
Die Frage, wie künstliche Intelligenz sinnvoll und verantwortungsvoll in die Gesundheitskommunikation integriert werden kann, gewinnt damit weit über den Sammelband hinaus an Bedeutung. Je mehr Menschen sich mit gesundheitlichen Fragen an Chatbots und KI-gestützte Suchmaschinen wenden, desto wichtiger wird es, dass Forschung, Politik und Praxis gemeinsam Qualitätsstandards und Kompetenzangebote entwickeln, damit KI zu einem Werkzeug wird, das Gesundheitskompetenz für alle stärkt, statt bestehende Ungleichheiten weiter zu vergrößern.
Das Buch lässt sich hier kostenfrei herunterladen.
