INSIST

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INternetbasierte Soziale Normen Intervention zur Prävention von Substanzkonsum von Studierenden

Hintergrund, Ziel und Studiendesign

Abbildung 1: Teilnehmende Hochschulen und Institute am INSIST-Projekt

‚INternetbasierte Soziale Normen Intervention zur Prävention von Substanzkonsum von Studierenden‘ (INSIST) ist eine multizentrische cluster-randomisierte Interventionsstudie, die an acht Hochschulen in Deutschland durchgeführt wird. Die Studie wurde vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert.

Das Hauptziel der INSIST-Studie lag darin, eine sogenannte „Soziale Normen-Intervention“ zu entwickeln, die den Substanzkonsum von Studierenden reduzieren sollte. Diese Intervention sollte in ihrer Effektivität untersucht werden. ‚Soziale Normen‘-Interventionen werden in den USA bereits flächendeckend zur Prävention von Risikoverhaltensweisen, wie Substanzkonsum, eingesetzt, in Deutschland sind sie noch weitestgehend  unbekannt.

‚Soziale Normen‘-Interventionen basieren auf den Ergebnissen von wissenschaftlichen Studien, die zeigen, dass Studierende häufig den Substanzkonsum von Gleichaltrigen (engl. Peers) überschätzen. Diese Fehleinschätzungen können zu einem erhöhten persönlichen Konsum führen. Der Ansatz, die Fehleinschätzungen hinsichtlich des Substanzkonsums ihrer Peers mittels eines Feedbacks zu korrigieren, hat sich bspw. in den USA als Erfolg versprechende Suchtpräventionsstrategie erwiesen. In Deutschland sollte INSIST dazu dienen, diesen Ansatz hinsichtlich seiner Machbarkeit und Effektivität das erste Mal an einer großen deutschen Studierendengruppe zu erforschen. 

Methoden

An acht deutsche Hochschulen in vier Regionen wurde die INSIST-Studie durchgeführt. In jeder Region wurde jeweils eine Hochschule als Interventionshochschule und eine als Kontrollhochschule festgelegt (zufällige Zuordnung nach Losverfahren).

Rekrutierung:

Rekrutierungsaktivitäten umfassten, neben dem Versand einer Einladungs- und Erinnerungsemails über Hochschulmailverteiler, die persönliche Ansprache auf dem Campus, das Austeilen von Flyern und die Nutzung von Facebook. Um an der Online-Befragung teilzunehmen, war eine Registrierung mit E-Mail-Adresse und selbstgewähltem Passwort auf der Studienhomepage notwendig. Die Studierenden wurden gefragt, wie sie auf die Studie aufmerksam geworden waren. Alle Studierenden der Hochschulen waren eingeladen, an der Studie teilzunehmen.

Durchführung der Studie und Intervention:

Mittels eines internetgestützten Fragebogens wurde eine Basisbefragung durchgeführt, in der der persönliche Substanzkonsum und eine Einschätzung des Substanzkonsums des Großteils der Peers desselben Geschlechts und derselben Hochschule abgefragt wurden. Diese Angaben wurden als Basis für die Entwicklung eines persönlichen normativen Feedbacks zu diesen Aspekten genutzt. Die Intervention war anschließend auf der Studienwebseite für die Teilnehmenden verfügbar. Nach acht Monaten wurden alle Studierenden eingeladen, eine  Folgebefragung auszufüllen, um einen Vergleich des persönlichen Substanzkonsums und der Einschätzungen des Peersubstanzkonsums zwischen Interventions- und Kontrollhochschulen zu ermöglichen. Im Anschluss wurde auch der Kontrollgruppe die Intervention bereitgestellt, d.h. es handelte sich um eine ‚delayed intervention control group‘ (deutsch: ‚verzögerte Interventionsgruppe‘).

Abbildung 2: Ablauf der INSIST-Studie


Fragebogen/Variablen:

Der INSIST-Fragebogen war für Teilnehmende der Interventions- und Kontrollhochschulen identisch. Als legale und illegale Substanzen wurden abgefragt: Alkohol, Tabak, Cannabis, Wasserpfeife, nicht verschriebene aber verschreibungspflichtige Medikamente zur akademischen Leistungssteigerung, nicht verschriebene aber verschreibungspflichtige Beruhigungs- oder Schlafmittel, synthetische Cannabinoide, Kokain, Ecstasy, andere amphetaminartige Stimulanzien, Halluzinogene und Inhalationsstoffe. Außerdem wurde der gleichzeitige Konsum von Substanzen (z.B. Alkohol und Cannabis), so genannter Mischkonsum, abgefragt. Hinsichtlich dieser Substanzen wurden der persönliche Substanzkonsum und eine Einschätzung des Substanzkonsums des Großteils der Peers desselben Geschlechts und derselben Hochschule abgefragt. Überdies wurden demographische Angaben, Angaben zum Studium und negative Konsequenzen, die mit Alkohol oder illegalen Substanzkonsum zusammenhängen (z.B. Gewalt), abgefragt.

Teilnehmende:

4569 Studierende (58% weiblich) haben den Basisfragebogen und 1590 Studierende (58% weiblich) den Folgefragebogen ausgefüllt und Angaben zu ihrem persönlichen und dem eingeschätzten Substanzkonsum der Peers gemacht.

Ergebnisse

Rekrutierung von Studierenden

Nach Abschluss der Rekrutierung waren 7.088 Studierende auf der Studienhomepage registriert. 4.569 (64%) haben den Fragebogen komplett ausgefüllt.

Tabelle 1: Stichprobenbeschreibung aufgeteilt nach teilnehmenden Hochschulen


An den Hochschulen mit Zugang zum Hochschul-E-mailverteiler (n=7) waren die höchsten Registrierungszahlen ein bis zwei Wochen nach dem Versand der Einladungsemail zu verzeichnen. Durch den Versand einer Erinnerungsemail an fünf der acht Hochschulen stiegen die Registrierungen um 13%- 61% an. Laut Angaben der Befragten wurden 82% über eine E-Mail über die Studie informiert, 8% in Lehrveranstaltungen, 7% über Flyer und nur 3% über Facebook. 89% haben nur über einen Kanal von der Studie erfahren.

Entwicklung eines geschlechts-spezifischen normativen Feedbacks zur Reduktion des Substanzkonsums

Die Angaben der teilnehmenden Studierenden zu eigenem und zum Peersubstanzkonsum wurden geschlechts- und hochschul-spezifisch ausgewertet. Die ermittelten Raten dienten als Basis für die Entwicklung des web-basierten normativen Feedbacks, welches im Folgenden beschrieben wird.

Auf der Webseite wird dem eingeschätzten Substanzkonsum der Peers der tatsächliche Konsum (gemäß Befragung) entgegengesetzt, um Fehleinschätzungen zu verdeutlichen. Zudem wurden im Rahmen des persönlichen Feedbacks auch das persönliche Substanzkonsumverhalten und die persönliche Einschätzung des Konsumverhaltens in der Peergroup aufgezeigt. Überdies wurde über die Akzeptanz des Substanzkonsums in der Peergroup aufgeklärt.

Abbildung 3: Internet-basiertes geschlechts-spezifisches normatives Feedback (Beispiel für Studentin der HAW Hamburg)


Nächste Schritte:

Analysen der Daten der Basiserhebung: Deskriptive Analysen der sozialen Normen und des Substanzkonsums werden derzeit durchgeführt. Der Zusammenhang zwischen der Einschätzung des Konsums der Peers und eigenem Konsum werden mittels multivariabler Regression untersucht.
Effektivitätsanalyse der Intervention: Veränderungen im Substanzkonsumverhalten und in sozialen Normen zwischen Basis- und Folgeerhebung werden untersucht. Dafür werden Studienteilnehmer/innen der Interventions- und Kontrollhochschulen verglichen.

Diskussion

Die INSIST-Studie wird neue Informationen zum Substanzkonsum von Studierenden und Aussagen über die Machbarkeit und Wirksamkeit einer ‚soziale Normen‘-Intervention in Deutschland liefern.
Zur Rekrutierung von Studierenden für die webbasierte Befragung zum Substanzkonsum erwiesen sich E-Mail-Kontakte als erfolgsversprechend. Probleme ergaben sich dadurch, dass nicht bekannt war, welche Studierenden die E-Mail tatsächlich erreicht hatte und ob sie gelesen worden war. Rekrutierung in Lehrveranstaltungen und mit Flyern waren ergänzende Rekrutierungskanäle in diesem Setting. Webbasierte soziale Netzwerke waren eher unbedeutend, sind für zukünftige Studien durch eine optimalere Nutzung jedoch ausbaufähig.

Finanzierung

Die INSIST-Studie wurde von dem Bundesministerium für Gesundheit finanziell gefördert.

Die Ergebnisse der INSIST-Studie wurden bereits auf im Rahmen von unterschiedlichen nationalen und internationalen Konferenzen präsentiert:

Helmer, Stefanie Maria; Pischke, Claudia R; Poettgen Saskia; Fiege, Annett; Kraemer, Alexander; Reintjes, Ralf; Schmidt-Pokrzywniak, Andrea; Glatz, Lisa; Schreck, Christina; Freiberg, Alice; Zeeb Hajo (2015). A ‘Social Norms’- Intervention to Prevent and/or Reduce Substance Use among University Students in Germany: Preliminary Findings Of the INSIST (Internet-Based Social Norms Intervention for the Prevention of Substance Use among Students) Study. 2015 International Conference on Health Promoting Universities and Colleges, 22-25 June 2015, Kelowna, Canada

Helmer,  Stefanie Maria (2015). Internet-basierte Soziale Normen Intervention zur Prävention von Substanzkonsum von Studierenden - Substanzkonsum von Studierenden an acht deutschen Hochschulen: Eigener Konsum und Einschätzungen des Peerkonsums. Kongress Armut und Gesundheit, 5.-6. März 2015, Berlin.

Pöttgen, Saskia; Helmer Stefanie; Köster, Jan-Philipp; Pischke, Claudia R; von Borczyskowski, Annika; Reintjes, Ralf; Zeeb, Hajo; im Namen des gesamten INSIST-Studienteams (2014). Rekrutierung von Studierenden für eine webbasierte Befragung zum Substanzkonsum: Welche Rekrutierungskanäle sind vielversprechend? 9. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), 17.-20. September 2014, Ulm.

Helmer, Stefanie; Köster, Jan-Philipp; Pöttgen, Saskia; Pischke, Claudia R.; Fiege, Annett; Krämer, Alexander; Borutta, Birgit; Reintjes, Ralf; Schmidt-Pokrzywniak, Andrea; Girbig, Maria; Schreck, Christina; Glatz, Lisa; Zeeb, Hajo (2014). Development of an internet-based social norms intervention for the prevention of substance use in German university students: The INSIST (INternet-based Social norms Intervention for the prevention of substance use among STudents) study. 4th European Symposium on Substance Use and Abuse among Students (ESSUS), 26-27 June 2014, Bremen

Pöttgen, Saskia; Helmer, Stefanie; Köster, Jan-Philipp; Zeeb, Hajo; Pischke, Claudia R. (2014). Measuring rates of peer substance use: Results of a focus group with German university students. 4th European Symposium on Substance Use and Abuse among Students (ESSUS), 26-27 June 2014, Bremen

Borczyskowski, Annika Von;  Prigge, R.; Bongartz, H.; Vogel, M.; Bertheau, M., Ochterbeck, D.; Schneiderheinze,  H.; Kim, J. Y.; Runge M.; Ahmadzadeh, A.; Azadzoy, M.; Reintjes Ralf; for the INSIST- Research group